Digital aufwachsen

Foto DAAN STEVENS/UNSPLASH

Eine neue Studie nimmt die Online-Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen in den Blick – positive und negative.

07.10.2019 · Geisteswissenschaften und Bildungsforschung · Leibniz-Institut für Medienforschung │ Hans-Bredow-Institut · News · Forschungsergebnis

Kinder und Jugendliche nutzen das Internet intensiv und auf sehr unterschiedliche Weise. Dass sie dabei mit vielfältigen Risiken konfrontiert werden, bleibt nicht aus. Doch ihre Risikowahrnehmung und ihr Risikobewusstsein stimmen nicht immer mit denen ihrer Eltern überein. Dies sind Ergebnisse der repräsentativen EU Kids Online-Befragung in Deutschland, die das Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) erstellt hat.

Drei Viertel der 12- bis 14-jährigen und 90 Prozent der 15- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind regelmäßig mit ihrem Smartphone online. Bis zu drei Stunden verbringen die Heranwachsenden pro Tag durchschnittlich im Netz.

Kinder haben ein anderes Risikoverständnis bei sexuellen Inhalten

Eltern sorgen sich oft um die Online-Nutzung ihrer Kinder. Gleichzeitig unterschätzen viele die Häufigkeit, mit der ihre Kinder bestimmte Erfahrungen im Netz machen. Besonders in Bezug auf den Kontakt mit sexuellen Inhalten im Netz unterscheiden sich die Einschätzungen der Eltern deutlich von den tatsächlichen Erfahrungen ihrer Kinder. 54 Prozent der befragten 12- bis 17-Jährigen sind nach eigener Angabe in den vergangenen zwölf Monaten mit sexuellen Darstellungen in Form von Texten, Fotos oder Videos in Berührung gekommen – meistens über das Internet. 37 Prozent davon haben diese sogar gezielt ausgewählt. Was Eltern als Risiko wahrnehmen, scheint für die Heranwachsenden oft gar nicht schlimm, sondern attraktiv zu sein: 61 Prozent der Jungen finden Gefallen an sexuellen Inhalten.
„Kinder haben in manchen Punkten ein anderes Risikoverständnis als Erwachsene. Während Eltern sich beispielsweise sorgen, dass ihr Kind mit sexuellen Inhalten in Berührung kommt, zeigen die Ergebnisse, dass diese Inhalte nicht per se negativ sein müssen, sondern mitunter für Heranwachsende im Rahmen ihrer sexuellen Entwicklung auch eine Informations- bzw. Orientierungsfunktion erfüllen können“, sagt Prof. Dr. Uwe Hasebrink, Direktor des Leibniz-Instituts für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut.

Eltern teilen sorglos Kinderfotos im Netz

Unterschiedliche Auffassungen gibt es auch in Bezug auf das ungefragte Veröffentlichen von Kinderfotos durch die Eltern (Sharenting). So berichten neun Prozent der befragten Kinder von 9 bis 17 Jahren, dass ihre Eltern ohne ihr Einverständnis Texte, Bilder oder Videos von ihnen ins Netz gestellt haben. Jeweils sechs Prozent waren verärgert über die veröffentlichen Informationen bzw. haben ihre Eltern darum gebeten, diese wieder zu löschen. Auch die Erwachsenen selbst scheinen sich der Auswirkungen ihrer teils ebenso intensiven Online-Aktivitäten also nicht immer bewusst zu sein.
„Die Ergebnisse geben auch Hinweise, dass fehlendes Bewusstsein über die Folgen des eigenen Medienhandelns zu Risiken für andere führen kann. Das gilt auch für Eltern: Nicht alle Heranwachsenden heißen es beispielsweise gut, wenn ihre Eltern ungefragt Bilder von ihnen online veröffentlichen und verbreiten. Eine Sensibilisierung auch mit Blick auf die Rechte von Kindern wäre hier notwendig“, so Hasebrink.

Zielgruppen- und risikospezifische Handlungsansätze erforderlich

Die Ergebnisse zeigen, dass nicht von DER Online-Nutzung und DEN Online-Erfahrungen gesprochen werden kann. Je nach altersbezogener Entwicklungsphase und geschlechtsspezifischen Vorlieben, teilweise auch nach familiärem Hintergrund, entwickeln Kinder und Jugendliche ganz spezifische Muster des Umgangs mit Onlinemedien. „Kinder werden je nach Nutzungsverhalten mit unterschiedlichen Risiken konfrontiert und benötigen ein Set an verschiedenen Medienkompetenzen und Coping-Strategien, das sie flexibel einsetzen können und das ihnen hilft, die Potenziale des Internets zu nutzen und Herausforderungen im Netz souverän zu begegnen“, so Hasebrink in seinem Fazit.

Informationen zur Studie

Für die repräsentative Studie hat das Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI)  1.044 Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 17 Jahren sowie Eltern nach ihren Online-Erfahrungen befragt. Das Institut ist Teil des internationalen Forschungsverbundes EU Kids online. Unterstützt wurde die Studie von UNICEF sowie der Deutschen Telekom Stiftung, der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) und dem Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (mpfs).

Studie

Den vollständigen Bericht „Online-Erfahrungen von 9- bis 17-Jährigen. Ergebnisse der EU Kids Online-Befragung in Deutschland 2019“ sowie eine Zusammenfassung der Ergebnisse finden Sie unter www.leibniz-hbi.de/uploads/media/Publikationen/cms/media/s3lt3j7_EUKO_Bericht_DE_190917.pdf.

Weitere Informationen und Kontakt

https://leibniz-hbi.de